Wolfgang C. Thoma, Der Gedanke der Demokratie – Für das Amerikahaus

Dr. Martin Stadler, Umsiedelung des Amerikahauses – offener Brief

Carl Wilhelm Macke, Amerika differenzierter sehen: Das Amerika Haus muss bleiben

Dr. Oskar Holl, Geschichtsvergessenheit in einer konservativ geführten Regierung? Das Fallbeispiel Amerikahaus München

Prof. Dr. Michael Piazolo, MdL kritisiert das Vorgehen der Bayerischen Staatsregierung scharf

Der Gedanke der Demokratie – Für das Amerikahaus

Von Wolfgang C. Thoma

Horst Seehofer hat unlängst (09.03.2012) per Dekret erlassen, die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften in das Amerika-Haus umzusiedeln.
Nachdem die erste Entscheidung im Sommer 2011 sowohl in der Zivilgesellschaft, als auch in der Politik für Unmut und Entrüstung gesorgt hatte, wurde monatelang nach Alternativen gesucht – scheinbar.

Zahlreiche Gebäude stehen leer, wären zur Nutzung frei, jedoch hat die Staatsregierung monatelang ein Katz- und Maus-Spiel veranstaltet, bei dem nun jeder als Verlierer dastehen würde.

Bei einer Umsetzung des Planes, müsste die Staatliche Lotterieverwaltung – schräg gegenüber dem Amerika-Haus residierend – ausgelagert, viele Arbeitsstellen nach Franken verlegt werden. Das Bayerisch-Amerikanische Zentrum müsste ihr Programm auf 20 Prozent verkürzen. Die Acatech würde als Terminator einer kulturellen Instanz Münchens gelten, die sich aus vergangenheits- und symbolpolitischer Sicht mit dem NS- Dokumentationszentrum komplettiert und in das Kunstareal Münchens als Gesamtkonzept einfügen würde.

„Die Offenheit, Kraft und Freiheit Amerikas kamen unserer Aufgabe zugute. Durch das Oberlicht wollten wir den Eindruck der Freiheit nach oben vermitteln. In den Vortragssälen sollte der Gedanke der Demokratie weitergegeben werden“, so Baudirektor Karl Fischer in einem Interview.

Die Demokratie verlangt Transparenz und Kultur.

Umsiedelung des Amerikahauses – offener Brief an Ministerpräsident Seehofer

Von Dr. Martin Stadler

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Seehofer,

sicher war es so nicht gedacht – als symbolischer Akt, der eine Einschätzung von Wertigkeiten ausdrückt: Minderbewertung einer aktiven kulturellen Institution gegenüber einer technischen, Minderbewertung der Beziehungen Bayerns zu den USA und Kanada, Minderbewertung eines Erinnerungsortes der Befreiung und der Freiheit, Minderbewertung des Andenkens an diese auch geistige und kulturelle Befreiung, Minderbewertung kultureller Arbeit überhaupt.

Dass aber genau dieser Eindruck im Begriff ist zu entstehen, zeigen die empörten Reaktionen aus allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens. Das Vorhaben wird offensichtlich als Akt der Zerstörung bürgerlichen Gutes empfunden.

Als besonders bedrohlich in Sachen Rufschädigung sehe ich, dass die Proteste nicht einer politischen Grundeinstellung oder Auseinandersetzung geschuldet sind, sondern sich quer durch die Parteien und gesellschaftlichen Schichten ziehen. Sie sind Ausdruck einer tiefen grundsätzlichen Sorge um unser kulturelles bürgerliches Erbe, zu dem sowohl die Erinnerung gehört, wie auch der Erinnerungsort und die an diesem Ort stattfindenden Aktivitäten.

Ludwig I hatte erkannt, dass München allein als Kulturstadt eine europäische Metropole werden konnte. Er hat das Seine dazu getan und eine starke Tradition geschaffen, die die Bedeutung der Stadt bis heute trägt. Zudem brachten er und seine Nachfolger die Wissenschaften nach München. Beides gemeinsam hat jene Weltoffenheit und Weltgeltung geschaffen, die München erst als internationalen Technikstandort empfehlen konnte.
Zu unserer Gesellschaft, und gerade zu unserer bayerischen Gesellschaft, gehören Kultur, Technik und Wirtschaft in gleichem Maße. Hier nun eine Konkurrenzsituation zu schaffen ist gesellschaftspolitisch an sich schon schädlich, eine klare Wertung durch die Fakten eines „Entweder-Oder“ zu offenbaren wäre eines Staates unserer kulturellen Tradition nicht würdig und würde dem Außenbild Bayerns deutlichen Schaden zufügen.

Ich bin positiv überrascht von der Heftigkeit der Reaktionen auf die Umsiedelungspläne. Zeigt sie doch besten Bürgersinn, der in der Lage ist, sich über die Grenzen politischer Ansichten hinweg in einem gemeinsamen Interesse zusammen zu schließen.

Es gibt Verzichtbares und Unverzichtbares. Und ich darf Ihnen sagen, wir Bürger können und wollen auf das Amerikahaus nicht verzichten müssen.

Die Entscheidung zu treffen, das Amerikahaus als lebendige Institution in seinem Haus und damit am Leben zu lassen statt es zu entwurzeln, wird einen gewissen Kraftakt erfordern.

Ich wünsche Ihnen und uns, dass Sie die Kraft dazu noch finden wollen und werden. In diesem Sinne mit freundlichen Grüßen

Dr. Martin Stadler

Amerika differenzierter sehen: Das Amerika Haus muss bleiben

Von Carl Wilhelm Macke

„Ich bin für die sofortige Schließung des Amerika Hauses!“ Es hat durchaus eine Zeit gegeben, etwa in den späten sechziger, frühen siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, in der es mich kalt gelassen hätte, ob das Amerika Haus in München nun geschlossen oder vielleicht sogar ganz abgerissen wird. Als ‚jüngerer Bruder’ der ’68er war mein Verhältnis zu den ‚Amis‘ viele Jahre reserviert bis ablehnend. Der ‚Vietnam-Krieg‘, das arrogante Auftreten in vielen Ländern Lateinamerikas, des sog. ‚amerikanischen Hinterhofs‘, die aggressive Propaganda für einen ‚American Way of Life‘ waren für mich in jenen Jahren Gründe, einen gewissen, heute würde ich sagen ‚ignoranten‘ Anti-Amerikanismus zu pflegen.

Inzwischen habe ich aber meine Meinung geändert, ohne damit jedoch gleichzeitig die amerikanische Flagge auf meinem Balkon zu hissen. Und diese Haltungsänderung ist u.A. auch Verdienst des Programmangebots im Münchner Amerika Haus.

Es hat dort Veranstaltungen gegeben, in denen ein sehr differenziertes Bild der amerikanischen Gegenwartsgesellschaft gezeichnet wurde, einschließlich der großen sozialen Konflikte, die dieses große Land heute prägen. Ich habe eine Art des amerikanischen Zivilengagements kennengelernt, die ich für beispielhaft für demokratisch-rechtsstaatliche Gesellschaften ansehe. Auch in meiner täglichen Arbeit als Koordinator eines Journalisten NGO-Networks  arbeite ich mit amerikanischen Journalistinnen und Journalisten zusammen, von deren Unabhängigkeit gegenüber staatlichen Stellen und privatwirtschaftlicher Macht man sehr viel lernen kann.

Um diese hier nur kurz angedeuteten Lernprozesse auch in Zukunft fortsetzen zu können, sind so vorbildliche Einrichtungen wie das Amerika Haus in München notwendig. Deshalb bin ich „für die sofortige Rücknahme aller Beschlüsse“, die eine Schließung des Amerika Hauses am Karolinenplatz vorsehen!

Carl Wilhelm Macke ist Journalist und Vorstandsmitglied des Vereins Journalisten helfen Journalisten e.V.

Geschichtsvergessenheit in einer konservativ geführten Regierung?
Das Fallbeispiel Amerikahaus München

Von Oskar Holl

Es war ein konservativer deutscher Bundespräsident, der die Begriffsverbindung „geschichtsvergessen – machtbesessen“ in den öffentlichen politischen Dialog unseres Landes einführte und mit diesen Worten das Verhalten deutscher Eliten am Ende des 20. Jahrhunderts geißelte.

Es überrascht – oder überrascht vielleicht gerade nicht -, dass die Institution acatech, die wohl auch aus eigener Definition die Verbindung zu den Eliten ihrer wissenschaftlich-technischen Fächer und der damit zusammenhängenden Industrie nicht ablehnen wird, diese gerade erst ein Dutzend Jahre alte Warnung so vollkommen ignoriert. Sie tut dies in ihrem Streben, das Amerikahaus München zu ihrem Hauptsitz zu machen. Und zwar tut sie es, das ist leider festzustellen, in beiden Richtungen, jener der Geschichtsvergessenheit und jener der Machtbesessenheit,

Das Amerikahaus München war in der Nachkriegszeit ein „Leuchtturm“ der amerikanischen Demokratisierungsbemühungen für Deutschland, wobei das Wort reeducation meist mit „Umerziehung“ unglücklich und unangemessen wiedergegeben wird. Ganz bewusst war der Führerbau in der Arcisstraße, die heutige Hochschule für Musik und Theater, als die erste Adresse dieses Information Center gewählt worden. Und ebenso bewusst entschied man sich Mitte der 1950er Jahre für einen endgültigen Standort am Karolinenplatz, noch immer inmitten des durch das Braune Haus, die Reichsparteileitung und zahlreiche dazu gehörende Einrichtungen NS-kontaminierten Teils Münchens und der Maxvorstadt. Die Bedeutung der amerikanischen Reeducation für die Geschichte der deutschen Demokratie kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, war sie doch selbst innerhalb der Westallierten die einzige ernst zu nehmende Bemühung, grundlegende Veränderungen des gesellschaftlichen Umganges der Deutschen mit sich selbst anzustoßen. Dies alles nahm bewusst und in klarer Entscheidung der damaligen amerikanischen Meinungsführer in Deutschland, von denen nicht wenige mit dem Land bestens vertraute Emigranten waren, seinen Anfang in der „Hauptstadt der Bewegung“, wenige Meter entfernt vom einstigen Braunen Haus. Die von den Amerikanern gewollte und begonnene politische Umerziehung der Deutschen ging eindeutig von München aus. So wie auch eine andere nicht nur faktisch, sondern auch symbolisch hochbedeutsame Aktion, die Rückgabe der von den Nazis geraubten europäischen Kunstschätze, gleich nebenan im „Collecting Point“ in der heutigen Katharina-von-Bora-Straße 10.

Geschichtssymbolik kann topographisch gar nicht besser dargestellt werden: So blieb es auch mit dem Bau am Karolinenplatz. Weder die Lage noch die Aufgabe veränderten sich. Das Beste daran ist, dass, wie es selten genug der Fall ist, das Haus noch sechs Jahrzehnte danach dieselbe Funktion hat und dort nicht eine ganz andere Verwendung eingezogen und nur aus Scham und Verlegenheit in einer Ecke eine sinnentleerte Hall of Fame übrig geblieben ist. Die Funktion hat sich selbstverständlich mit dem Lauf der Geschichte gewandelt, aber weder ist sie obsolet geworden noch können die Geistes- und Kulturbeziehungen beiderseits auf diesen sehr lebendigen Austausch verzichten.

Die Nutzung geschichtsträchtiger Gebäude, und diese Eigenschaft wird man dem Amerikahaus nicht absprechen können, vor allem durch potentielle Nachfolger verrät immer auch einen Machtanspruch. Daher das Schlagwort von der „repräsentativen Adresse“ und ähnlichen Status-Zuschreibungen. Die acatech spricht ihr Begehren und dessen Begründung schon selbst so schön aus: „Mit dem Bezug des Amerika-Hauses … übernimmt acatech mehr als nur ein markantes Gebäude.“

Da darf man fragen, ob sich die potentiellen Nachfolger bewusst sind, dass sie mit ihrem Wunsch, hier einzuziehen, nicht nur drauf und dran sind, die lebendige Kontinuität einer demokratischen Ur-Institution unseres Gemeinwesens (und keineswegs nur Bayerns, wie dies gern kleingeredet wird) zu zerstören, sondern dass sie eine die Geschichte ignorierende Umnutzung just in dem Augenblick anstreben, in dem derselbe Freistaat als Träger gemeinsam mit dem Bund und der Landeshauptstadt München in Sichtweite schräg gegenüber in der Briennerstraße das NS-Dokumentationszentrum zu errichten beginnt. Einen groteskeren Widerspruch, sollte es denn so weit kommen, hätte man in der jüngeren Münchner Stadtbaugeschichte kaum jemals erlebt.

Es gibt in München, um dem verständlichen Wunsch einer neuen Institution, die auf ihre Prestige bedacht sein will, Rechnung zu tragen, andere „markante Gebäude“, die zu übernehmen nicht gleich von Anfang an mit einer derartigen symbolischen und historischen Hypothek belastet wäre wie alle diese Griffe nach dem Amerikahaus auf dem Karolinenplatz.

Man würde der acatech und den in ihr versammelten Technikern und Industrieführern gern einen besseren Beginn und das Bewusstsein wünschen, dass das technisch Machbare nicht in allen Fällen das gesellschaftlich Wünschbare ist – und dass der neue Nachbar, der gewachsene Strukturen von Anfang an respektiert, der besonders willkommene Nachbar ist.

Oskar Holl ist Vorsitzender des Bezirksausschusses Maxvorstadt – München.

Prof. Dr. Michael Piazolo, MdL kritisiert das Vorgehen der Bayerischen Staatsregierung scharf

Mit Entsetzen habe ich von der Umwidmung des Amerika Hauses zugunsten der Acatech erfahren. Für mich und sehr viele Münchner ist jedoch das Amerika-Haus untrennbar mit dem Ort am Karolinenplatz verbunden und ich fordere deshalb eindringlich, die getroffene Entscheidung zu revidieren.

Seit mehreren Jahren lehre ich an der Münchner Hochschule für Politik, die ja auf Anregung der US-Militärregierung gegründet wurde und weiß um die Bedeutung der Bayerisch-Amerikanischen Freundschaft. Bei gutem Willen aller Beteiligten hätte sich für die acatech garantiert ein mindestens so repräsentativer wie zentraler Standort finden lassen, der den Verbleib der Zentrale in München gesichert hätte. Dafür jedoch nun das Amerika Haus zu opfern und die seit Jahrzehnten für die Bayerisch-Amerikanischen Beziehungen engagierten Organisationen handstreichartig raus zu drängen, das kann ich nur als „geschichtsvergessen“ bezeichnen.

Um das Amerika Haus zu erhalten, habe ich schon im April 2011 als hochschulpolitischer Sprecher der FW-Fraktion einen Antrag im zuständigen Landtagsausschuss eingereicht. Bereits in dieser frühen Phase der Diskussion habe ich versucht eine interfraktionelle Lösung herbeizuführen.

Das Schließungsvorhaben wirft mehrere kritische Fragen auf, insbesondere, ob dieses Vorhaben, neben den negativen Auswirkungen auf den transatlantischen Austausch etwa in Kultur, Forschung, Lehre und Wissenschaft, nicht insgesamt die bislang sehr guten Beziehungen Bayerns zu den USA und Kanada langfristig belastet.

Besonders erschütternd empfinde ich, dass man gleichsam auf einer Straßenseite mit einem Millionen-Etat vom Freistaat ein eigenes NS-Doku-Zentrum zur Aufbereitung der Nazi-Diktatur in Bayern baut und zugleich auf der anderen Straßenseite das Amerika Haus als Symbol für den insbesondere durch Amerika geprägten Aufbau der Demokratie schließt.

Das Interesse an einer Pro-Amerika-Haus-Lösung war von der Bayerischen Landesregierung lange signalisiert worden. Nun hat man sich seitens der Regierungsfraktionen im Landtag aber so lange hinhalten lassen, bis man von der Staatsregierung vor vollendete Tatsachen gestellt wurde. So entmachtet sich ein Parlament selbst!

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3 Responses to “Leserbeiträge”


  1. 1 Ottenbacher 4. August 2012 um 08:23

    Unser Bundespräsident merkt an : „Warum, frage ich mich, sind in den öffentlichen Debatten über unsere Zukunft die Stimmen aus Physik, Ökonomie, aus den Ingenieur-, Lebens- oder Kulturwissenschaften nicht prominenter zu hören?“

    Vielleicht fehlt der richtige Standort ? Ein Sprecher der „Acatech“ beklagt, dass von Seiten der Staatsregierung „bislang konkret ein Angebot“ vorliege, nämlich das Amerikahaus.“

    http://www.merkur-online.de/lokales/stadt-muenchen/raetselraten-ueber-acatech-2365025.html

    Die Alte Akademie, einst geistiger Mittelpunkt der Landeshauptstadt, könnte jetzt vom Bürokomplex und Kleiderladen wieder in ein Wissenschaftszentrum verwandelt werden.

    „Das Areal liegt an der Fußgängerzone mit Passantenfrequenzen mit über 120.000 an normalen Wochentagen und bis zu 200.000 Personen an Spitzentagen, die sich inzwischen mit denen der Fifth Avenue und der Champs-Elysees messen lassen.“

    http://www.ris-muenchen.de/RII2/RII/DOK/SITZUNGSVORLAGE/783453.pdf

  2. 2 131313cw 28. Oktober 2012 um 15:18

    Als langjähriges Mitglied des Amerikahausvereins möchte ich mich an dieser Stelle für den Verbleib des Amerikahauses als Ort der Begegnung und Kultur am derzeitigen Standort einsetzen.

    Christiane Winkler-Bleisteiner


  1. 1 Neuer Leserbeitrag « amerikahausblog Trackback zu 13. April 2012 um 18:39

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